Kunststoff-Produktion mit gutem Gewissen

von Willi Weiß

Kunststoff-Produktion mit gutem Gewissen

von | 6. Nov 2020 | Leben, Technik, Wirtschaft

Seit 1927 gibt es Koziol in Erbach im Odenwald

Das Erbacher Unternehmen Koziol produziert seit über 80 Jahren Artikel aus jenem Material, das sein Stigma schon im Namen trägt, denn der Kunststoff ist nun einmal kein Naturstoff, sondern ein Destillat aus Rohöl, das in einem chemischen Verfahren zu Kohlenwasserstoffverbindungen aufgespalten wird.

Aufbau Container

Mit Elfenbeinschmuck fing alles an: Im Koziol-Museum sind Arbeiten des Firmengründers zu sehen und ein echter Stoßzahn. (Willi Weiß)

In einer Sache ist sich Katrin Bode ganz sicher: Kunststoff sei das Material der Moderne, sagt sie und fügt hinzu: „Ohne ihn würden weder Autos fahren, noch Flugzeuge fliegen. Auch Computer und Handys wären nicht denkbar. In der Medizin braucht man ihn für Prothesen und Herzschrittmacher. Und überhaupt: Fortschrittliche ärztliche Versorgung ist erst durch Plastik möglich, nicht nur auf Intensivstationen und in Operationssälen.“ Bode ist Pressesprecherin der Firma Koziol. Das Unternehmen aus Erbach im Odenwald produziert seit über 80 Jahren Artikel aus jenem Material, das sein Stigma schon im Namen trägt, denn der Kunststoff ist nun einmal kein Naturstoff, sondern ein Destillat aus Rohöl, das in einem chemischen Verfahren zu Kohlenwasserstoffverbindungen aufgespalten wird.

Koziol produziert am Ortseingang von Erbach hunderttausendfach Bedarfsgüter ausschließlich aus eben jenem Material. Seit 1927 gibt es das Unternehmen in der Odenwälder Kreisstadt. Es ist in zweiter Generation im Familienbesitz. Gründer war Bernhard Koziol, der Vater des jetzigen Inhabers, Stephan Koziol. Die Geschichte des Unternehmens begann denkbar einfach als Ein-Mann-Werkstatt, in der Koziol zunächst Elfenbeinschmuck herstellte, ein immer noch charakteristisches Produkt für die Stadt und die Region. Doch schon zu Beginn der dreißiger Jahre kam der thermoplastische Kunststoff auf den Markt und Unternehmensgründer Bernhard Koziol war weitblickend genug, um sehr schnell und kompromisslos auf den neuen Stoff umzusteigen. Fortan stellte der Autodidakt in Sachen Chemie seine Produktpalette im modernen Spritzgießverfahren her. Wie für alle Menschen bedeutete der Zweite Weltkrieg auch für die Produktion der Erbacher einen Einschnitt. Er machte erst einmal Schluss mit der beschaulichen Produktion von Broschen mit Rosenmotiven, Armbändern, Ketten und sonstiger Bijouterie, nur Knöpfe für Bekleidung, Kämme oder technische Bauteile waren noch als kriegswichtig eingestuft und konnten weiter produziert werden.

Nur schrittweise kam die Fabrikation nach 1945 wieder auf Touren. Doch die Wirtschaftswunderzeiten weckten auch den Traum vom modernen Heim und große Wünsche wurden zur großen Nachfrage. Heute gehören 300 verschiedene Artikel zum Sortiment des Erbacher Unternehmens, das 150 Mitarbeiter beschäftigt, darunter acht Auszubildende. Es exportiert mittlerweile in 50 Länder der Erde. Vom Essbesteck bis zur Toilettenbürste, Leuchten, Zeitungsständer und Taschen sind die Produkte fast weltweit in den meisten Haushalten zu finden. Auch Badezimmer-Accessoires und Behältnisse für die Aufbewahrung der vielen notwendigen und weniger notwendigen Dinge des Daseins sind wichtige Produktionsgebiete für Koziol.

BecherBonus schont die Umwelt und den Geldbeutel:

Koziol produziert das Symbol der BecherBonus-Aktion, einen Becher mit Landes-Wappen, den die Hessen Agentur in Auftrag gegeben hat. Diese Initiative der Landesregierung hat für Bode einen hohen medialen Wert. (Foto: Salome Roessler)

Koziol in Erbach

Maßarbeit bis ins Detail. Die Formen sind ein technisches Spitzenprodukt. (Foto: Koziol)

Werk im Grünen

Neben einem weitläufigen Verkaufszentrum ist in der sogenannten „Glücksfabrik“ auch Zeit und Platz für Besuchergruppen, selbst Kindergeburtstage werden dort mitunter gefeiert. (Foto: Koziol)

Viele bunte Farben

Farblager: Dem Grundgranulat werden Pigmente zugefügt, um die festgelegte Kolorierung zu erzielen. Artikel, die aus mehreren Farben bestehen, werden in verschiedenen Arbeitsgängen hergestellt und anschließend zusammengefügt. (Foto: Willi Weiß)
Wie am Anfang jeder Wertschöpfung stehen auch zu Beginn des Produktionslaufes bei Koziol die Kreativen. Sie entwickeln Ideen, vermuten oder wissen gar, was der Markt verlangt: 200 Designer aus der ganzen Welt stehen in Diensten der Firma. Sie kennen in den meisten Fällen die Produktionslinien und bringen passende Gedanken ein oder bieten eigene Kreationen an. Zwei festangestellte Designer bearbeiten die Zeichnungen oder Prototypen anschließend, so dass sie zum unverkennbaren Erzeugnis des Hauses werden. Wichtiges Element der Anfangsphase ist ein 3-D-Drucker, der im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar macht, wohin die Fertigungsreise geht. Eine Mitarbeiterrunde diskutiert anschließend die Ergebnisse, verbessert die Entwürfe und optimiert damit die Marktfähigkeit des Artikels. Die Daten der endgültigen Entwürfe gehen danach an den Formenbau. Dort entsteht ein Werkzeug, also eine gefräste Metallform. Diese Stahlform ist nicht nur einfach ein Hohlraum, sondern ein technisches Meisterwerk mit Kühlkanälen und Auswurfvorrichtungen. Mit der Installation des Werkzeugs auf der Spritzgießmaschine beginnt die eigentliche Herstellung. Ein weit verzweigtes Rohrsystem befördert das ungefärbte Granulat in die Spritzmaschinen. Dem Grundstoff werden Pigmente zugefügt, um die festgelegte Kolorierung zu erzielen. Artikel, die aus mehreren Farben bestehen, werden in verschiedenen Arbeitsgängen hergestellt und anschließend zusammengefügt.

Thermoplastik wird 20 bis 30 Sekunden bei einer Temperatur von 200 Grad erwärmt, gerade einmal so viel Hitze wie man zum Kuchenbacken braucht. Denn beim Gießen ändert Kunststoff nur kurzfristig seinen Aggregatzustand: von fest zu flüssig und wieder zu fest. Deshalb benötige die Produktion nur relativ wenig Energie. Bei der Herstellung verwendet das Unternehmen nach eigenen Angaben keine Weichmacher, und die Farben stammen allesamt aus Deutschland.

Es ist Erfahrungssache, wie viel Stück von jedem einzelnen Artikel hergestellt werden müssen. Benötigt man höhere Stückzahlen als geplant, weil die Nachfrage des Konsumenten nach einem Artikel doch größer ist als voraussehbar, werden die vorhandenen Formen erneut eingesetzt, die Maschinen hochgefahren und die Kunden nachbeliefert. Ein großer Vorteil ist für Koziol dabei die Produktion im eigenen Land. Dieses schnelle Handeln wäre unmöglich, wenn das Unternehmen beispielsweise in Fernost fertigen und die Waren erst in Containern über das Meer angeliefert werden müssten. Durch die heimische Produktionsstätte kann die Firma flexibel agieren. Schon deshalb legt auch das Unternehmen neben dem Qualitätsanspruch großen Wert auf das Herkunftszeichen „Made in Germany“.

Mitarbeiter

Designer aus der ganzen Welt stehen in Diensten der Firma

Länder, in die Koziol exportiert

wurde Koziol in Erbach gegründet

Zur Koziol-Philosophie gehört die kategorische Orientierung an den ökologischen und gesundheitlichen Standards, die in Deutschland und in Europa gelten. Im eigenen Prüflabor testet deshalb auch ein Qualitätsmanager, ob Grundstoffe oder Produkte für den Menschen unbedenklich sind. Er achtet insbesondere darauf, dass die Richtlinien der Europäischen Union umgesetzt werden.

Das Unternehmen hält sich zugute, dass es mit einer lückenlosen Fertigungstiefe am hessischen Standort vertreten ist: Design, Entwicklung, Konstruktion, Formenbau, Produktion, Versand und Administration arbeiten unter einem Dach in Erbach. „Und außerdem liegt unsere Fabrik mitten in einem Naturschutzgebiet“, unterstreicht Bode. Wie lasse sich wohl eine sanfte und umweltneutrale Produktionsweise deutlicher belegen, als durch einen solchen Standort?

Auch das Material gehöre derzeit zu den umweltfreundlichsten Werkstoffen. „Kein Material ist per se umweltfreundlich. In der Holzverarbeitung gibt es Pestizide, und Porzellan muss mit einem enormen Energieaufwand von 1400 Grad viele Stunden lang gebrannt werden“, sagt Bode. Dagegen sei Kunststoff durch seine Haltbarkeit alles andere als ein Wegwerfprodukt – und letztlich ist er auch noch recycelbar, meint sie. Die Produkte des Odenwälder Unternehmens wurden in der jüngsten Zeit drei Mal von der Zeitschrift Ökotest geprüft, dabei erhielt Koziol in jedem Fall ein „Sehr gut“.

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Mehr Kaffeegenuss und weniger Bechermüll für Hessen

Ein Bonus für die Umwelt und den eigenen Geldbeutel, das ist das Ziel der Initiative „BecherBonus“, die Umwelt- ministerin Priska Hinz ins Leben gerufen hat. Die Ministerin will Cafés, Bäckereien, Tankstellen und andere Geschäfte, die Heißgetränke für unterwegs verkaufen, dafür gewinnen, den Bechermüll zu reduzieren. Ein Preisnachlass von mindestens 10 Cent soll Kundinnen und Kunden dazu motivieren, einen eigenen Mehrwegbecher mitzubringen.

Auch die hessische Landesregierung setzt mit einer Initiative auf das langlebige Plastik, das die Ressourcen schonen, das Bewusstsein ändern, vor allem aber den Müll reduzieren soll. In einer Stunde werden beispielsweise in Deutschland 320.000 Coffee-to-go-Becher weggeworfen. Im Jahr sind es 2,6 Milliarden Einweggefäße, was einem Abfallberg von 40.000 Tonnen entspricht.  Die hessische Initiative Becherbonus, die im März 2016 von Umweltministerin Priska Hinz ins Leben gerufen wurde, will dem entgegenwirken. Cafés, Bäckereien, Tankstellen und andere Geschäfte, die Heißgetränke für unterwegs verkaufen, sollen dafür gewonnen werden. Ein Preisnachlass von mindestens zehn Cent soll die Kunden motivieren, einen eigenen Mehrwegbecher mitzubringen. Bisher beteiligen sich über 100 Unternehmen mit rund 850 Filialen an dem Vorstoß. Koziol produziert das Symbol der Aktion: Einen Becher mit Landes-Wappen, den die Hessen Agentur in Auftrag gegeben hat. Diese Initiative der Landesregierung hat für Bode einen hohen medialen Wert.

Schon 2009 erweiterte Koziol seine Liegenschaft in moderner Glasbauweise. Im neuen Teil des Anwesens, der sich in der Werner-von-Siemens-Straße an die Fabrikationshallen anschließt, präsentiert sich das Unternehmen hautnah und permanent der Öffentlichkeit. Neben einem weitläufigen Verkaufszentrum ist in der sogenannten „Glücksfabrik“ auch Zeit und Platz für Besuchergruppen, selbst Kindergeburtstage werden dort mitunter gefeiert. Zu den Attraktionen dieses Standortes gehört auch ein Museum, in dem Erzeugnisse und Maschinen vergangener Zeiten und die Geschichte des Unternehmens gezeigt werden. Auch dort stellt sich Koziol immer wieder der Problematik des Kunststoffes, der Segen und Fluch gleichermaßen sein kann. Für Katrin Bode bleibt es ein Wandeln auf einem schmalen Grad über das „Material der Moderne“ zu sprechen und immer wieder zu erklären, dass es klug beherrscht der Welt dienen kann und sie nicht zerstören muss.

MADE IN GERMANY

Koziol produziert seit 1927 ausschließlich am Firmenstandort Erbach/Odenwald in Deutschland. Und das mit einer ungewöhnlichen Fertigungstiefe: Design, Entwicklung, Konstruktion, Formenbau, Produktion, Versand und Administration befinden sich alle unter einem Dach, an einem Ort.

Koziol steht dank seiner Philosophie, bis heute alle Produkte ausschließlich in Deutschland zu produzieren, für ein verantwortungsvolles, zukunftsgerichtetes Handeln und Design mit gutem Gewissen. Das Thema Nachhaltigkeit war und ist selbstverständlicher Teil der Unternehmensstrategie.

Seit dem 1. Januar 2013 produziert koziol ausschließlich mit Ökostrom, dadurch werden jährlich rund 1.276 Tonnen CO² eingespart. Beim Einkauf der Materialien werden Anbieter aus Deutschland klar bevorzugt. Ebenso macht die Herstellung unter einem Dach lange Transportwege überflüssig. Für die Logistik der Fertigwaren kooperiert koziol mit einem weltweit agierenden Partnerunternehmen, das ebenfalls nach strengen Nachhaltigkeitsgrundsätzen arbeitet.

www.koziol.de