Floriansjünger als humorvolle Fotomodels

von Benjamin Jungbluth

Floriansjünger als humorvolle Fotomodels

von | 20. Okt 2020 | Kunst & Kultur, Leben

Feuerwehrkalender Trebur

 

Die Freiwillige Feuerwehr in Trebur (Kreis Groß-Gerau) wirbt auf unkonventionelle Weise um Nachwuchs: In selbstinszenierten Fotokalendern zeigen die Ehrenamtlichen ihre vielfältige Arbeit und nehmen sich dabei auch mal ein wenig auf die Schippe. Profi-Fotograf und Feuerwehrmann Dennis Möbus hat das künstlerische Niveau des Projekts noch einmal angehoben – doch in erster Linie wollen die Treburer mit ihrem Projekt den Spaß an ihrer Tätigkeit sowie die Vielfalt und Professionalität der hessischen Feuerwehren präsentieren.

Dennis Möbus Fotograf

„Wir bei den Freiwilligen Feuerwehren in Hessen sind alle eine große Familie und vererben diese Berufung quasi weiter.“

Dennis Möbus
Fotograf und Feuerwehrmann

Zwei Feuerwehrleute in voller Montur und mit angelegten Atemmasken schlendern mit einem Einkaufswagen durch den Supermarkt und suchen – so verrät es der Begleittext – „Brotaufstrich, der brennt“. Ein Kollege in signalgelbem ABC-Schutzanzug hält eine volle Windel neben einem Baby auf einem Wickeltisch hoch: „Wir sind für jeden Einsatz gerüstet!“ Und vier Wehrmänner eilen dem Weihnachtsmann zu Hilfe, der mit seinem Schlitten samt Geschenken von der Straße abgekommen ist: „Wir retten auch Prominente.“ Mit ungewöhnlichen und humorvollen Szenen wie diesen werben die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Trebur für ihr besonderes Ehrenamt.

Mitte der 2000er-Jahre haben sie in der Gemeinde Trebur im Kreis Groß-Gerau erstmals einen Feuerwehr-Kalender mit Fotos konzipiert, dessen Motive sie sich selbst ausgedacht und die sie gemeinsam erstellt haben – stets mit Bezug auf die vielfältigen Aufgaben, die die rund 71.000 aktiven Feuerwehrangehörigen in den etwa 2.500 Abteilungen der Freiwilligen Feuerwehren in ganz Hessen tagtäglich erfüllen. Auch wenn die Treburer Wehrleute wegen der umfangreichen Arbeit, die in so einem Projekt steckt, nicht jedes Jahr einen neuen Kalender produzieren können, führen sie das Projekt fort. Und seit 2011 erhalten sie dabei optimale Unterstützung aus ihren eigenen Reihen: Profi-Fotograf Dennis Möbus lebt und arbeitet in der Gemeinde und ist Mitglied bei den Floriansjüngern. „Es ist für mich Ehrensache, dass ich bei dem Fotoprojekt mitmache“, sagt der erfolgreiche Fotokünstler. Durch seine berufliche Erfahrung konnte er die Bilder auf ein neues Niveau heben, mit aufwendigeren Inszenierungen und einer professionelleren Umsetzung. Doch die Ideen zu den Motiven kommen weiterhin von allen Mitgliedern der Wehr, alle Abteilungen, bis hin zu den „Löschzwergen“, machen mit viel Leidenschaft mit – schließlich geht es darum, ihre zeitintensive und gemeinwohlorientierte Freizeitgestaltung ins rechte Licht zu rücken.

„Wir wollen den Bürgern zeigen, was wir so alles machen und können, wenn wir für sie aktiv sind“, erklärt Christian Lautz. Der 35-Jährige ist hauptberuflich Triebwerksingenieur und kann seine technischen Kenntnisse gut in der Wehr einbringen. „Bei uns kann aber jeder mitmachen, denn jeder hat irgendeine Stärke, die wir als Team gebrauchen können. Deshalb gehen wir den Fotokalender etwas selbstironisch an: Wir wollen uns zeigen, wie wir sind, und uns auch mal selbst auf den Arm nehmen.“ Mit den bekannten Hochglanzkalendern, in denen als Feuerwehrmänner verkleidete Models ihre definierten Oberarme und Waschbrettbäuche zeigen, wollen die Treburer nichts zu tun haben. „Wir zeigen das wahre Feuerwehrleben: Manche von uns sind trainiert, andere eher korpulent, manche hünenhaft groß, andere schmächtig klein. Wir sind eben ganz normale Leute. Für unseren Job ist das unerheblich: Wir brauchen auch Mitglieder für die Notfallseelsorge, die Brandschutzerziehung oder als tatkräftige Unterstützer im Hintergrund. Im Kalender zeigen wir deshalb auch mal stolz unsere nicht ganz durchtrainierten Bäuche – als Karikatur der bekannten Kalender-Vorlagen.“

Motiv aus dem Feuerwehrkalender Trebur.

© Dennis Möbus

Motiv aus dem Feuerwehrkalender Trebur.

© Dennis Möbus

Motiv aus dem Feuerwehrkalender Trebur.

© Dennis Möbus

Motiv aus dem Feuerwehrkalender Trebur.

© Dennis Möbus

Motiv aus dem Feuerwehrkalender Trebur.

© Dennis Möbus

Motiv aus dem Feuerwehrkalender Trebur.

© Dennis Möbus

Motiv aus dem Feuerwehrkalender Trebur.

© Dennis Möbus

Motiv aus dem Feuerwehrkalender Trebur.

© Dennis Möbus

Motiv aus dem Feuerwehrkalender Trebur.

© Dennis Möbus

Motiv aus dem Feuerwehrkalender Trebur.

© Dennis Möbus

Bei den Bürgern der rund 13.000 Einwohner zählenden Gemeinde kommt die ungewöhnliche Öffentlichkeitsarbeit gut an. Die Kalender, die stets in der Vorweihnachtszeit erscheinen, sind zu einem beliebten Geschenk in der ganzen Region avanciert. Sogar deutschlandweit gibt es Anfragen nach den neuesten Exemplaren, vor allem Mitglieder anderer Feuerwehren interessieren sich dafür. Der Aufwand für die Ehrenamtlichen ist dadurch allerdings noch einmal gestiegen. „Wir müssen alle Bestellungen annehmen, verbuchen und die Kalender dann per Post verschicken. Und so stehen wir in der Vorweihnachtszeit öfter Mal in einer langen Schlange vor dem Postschalter“, nimmt es Fotograf Dennis Möbus mit Humor. Mit 200 Exemplaren fing das Projekt an – seit Möbus die Bilder konzipiert, haben die Wehrleute die Auflage auf 500 erhöht. Der Nachfrage wird das trotzdem bei weitem nicht gerecht, innerhalb weniger Tage waren die letzten Ausgaben verkauft. „Wir würden aber an unsere logistischen Grenzen kommen, wenn wir noch mehr produzieren würden,“ erklärt Möbus. Pro Exemplar verlangen die Treburer 10 Euro, die komplett an ein Kinderhospiz und die eigene Jugendabteilung gehen. Die Produktionskosten sind erheblich höher, doch dank örtlicher Sponsoren und viel freiwilliger Unterstützung aus den eigenen Reihen müssen sie diese nicht komplett an die Käufer weitergeben.

„Für die Einwohner unserer vier Ortsteile und der Umgebung von Trebur sind die Kalender etwas Persönliches: Man kennt sich ja, und viele freuen sich, die eigene Region auf diese Weise präsentiert zu bekommen“, erklärt der 28-jährige Sven Pforr. Als Mediengestalter ist er es gewohnt, kreative Konzepte umzusetzen. Doch die Herstellung der Kalender ist selbst für ihn jedes Mal eine spannende Zeit. „Die Ideen für neue Motive sprudeln bei uns allen nur so hervor, das ganze Jahr über sammeln wir Anregungen und besprechen Details. Aber das alles dann auch in die Tat umzusetzen und in einem richtigen Foto darzustellen, ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer“, sagt Pforr und schaut zu Dennis Möbus.

Als Profi-Fotograf stellt dieser an seine Kameraden durchaus hohe Ansprüche. Allein die Vorbereitungen für ein einzelnes Motiv nehmen im Schnitt einen vollen Tag in Anspruch. Schließlich muss auch mal ein komplettes Iglu gebaut oder eine nahezu authentische Abendmahl-Szene entworfen werden. „Kleine Lösungen machen wir nicht“, sagt Möbus lachend. Die Nachbearbeitung der Fotos erledigt er dann in seiner Freizeit. „Als Freiberufler kann ich da etwas flexibler rangehen“, sagt Dennis Möbus bescheiden. 2015 – zum 75-jährigen Jubiläum der Treburer Wehr – gab es eine besondere Ausgabe des Kalenders. Danach kam Dennis Möbus sein privater Hausumbau dazwischen, die Zeit für die intensive Beschäftigung mit dem Thema fehlte meist. Doch für die Weihnachtszeit 2019 planen die Treburer wieder eine neue Kalenderausgabe.

Aktive zählt die Freiwillige Feuerwehr Trebur

Frauen sind darunter – Rekord im Kreis

Aktive gibt es in den 2500 Abteilungen der Freiwilligen Feuerwehren in ganz Hessen

Beamte der 6 Berufsfeuerwehren (Frankfurt, Wiesbaden, Kassel, Darmstadt, Offenbach und Gießen) kommen dazu

 

Die Fotosammlungen sind allerdings nur ein Teil der gemeinsamen Freizeitgestaltung, die es bei den Floriansjüngern der Gemeinde neben ihren ehrenamtlichen Rettungs- und Brandeinsätzen gibt. „Wir müssen einfach immer irgendeinen Quatsch miteinander machen“, erklärt der 31-jährige Daniel Seibel, der hauptberuflich als Landschaftsgärtner arbeitet. „Wir feiern und grillen regelmäßig zusammen, veranstalten alljährlich eine Rock-Nacht, die Besucher aus der ganzen Region anzieht, und wir stellen unsere Arbeit bei Besuchertagen vor. Das alles fördert unseren Teamgeist, was uns bei den Einsätzen enorm hilft.“ Man merkt den Treburer Wehrleuten schnell an, dass sie sich als Teil der Gemeinschaft im Ort betrachten. Ein fester Zusammenhalt ist ihnen wichtig. „Viele von uns sind eng befreundet und wir haben auch außerhalb unseres Gerätehauses viel Kontakt“, sagt Seibel. „Das hilft uns bei der Umsetzung der Fotos. Sich vor der Kamera auszuziehen und nur mit einem Strahlrohr vor der Lende ironisch ablichten zu lassen, wäre sonst wohl kaum möglich. So ist das alles eine richtige Gaudi für uns.“

53 Aktive zählt die Feuerwehr Trebur, die restlichen drei Ortsteile haben zusätzlich eigene Abteilungen. Zwischen 17 und 62 Jahren müssen die Wehrleute alt sein, um an Einsätzen teilzunehmen. „Und wir haben die höchste Frauenquote im Kreis: Elf Damen machen bei uns im aktiven Dienst mit“, sagt Dennis Möbus – dessen Vater Wehrführer ist. „Wir bei den Freiwilligen Feuerwehren in Hessen sind eben alle eine große Familie und vererben diese Berufung quasi weiter.“ Nachwuchssorgen kennen die Treburer daher nicht. Für die Kinderfeuerwehr gibt es inzwischen sogar eine Warteliste, weil die Nachfrage so groß ist. 2011 gab es für die vielfältigen Aktivitäten und Bemühungen den Hessischen Feuerwehrpreis, eine Fachzeitschrift wählte sie zur Feuerwehr des Monats. Das Image der ehrenamtlichen Lebensretter von Trebur könnte also kaum besser sein – was nicht zuletzt an ihrer ungewöhnlichen Werbekampagne mit den einzigartigen Fotokalendern liegen mag.

Freiwillige Feuerwehr Trebur

  • 1652 erstmals im Gemeindearchiv erwähnt
  • 1940 in heutiger Form gegründet
  • 53 aktive Wehrleute, darunter elf Frauen

Feuerwehrhaus | Astheimer Straße 86 | 65468 Trebur

www.feuerwehr-trebur.org