Sozialer Zusammenhalt: Städte brauchen Räume, die zur Begegnung einladen

Wie sieht die Zukunft unserer Städte aus? Städte haben viele Herausforderungen zu bewältigen. Die Corona-Krise hat Wandlungsprozesse noch einmal beschleunigt. Das Erleben der Städte sei „in eine gewisse Schieflage geraten“, schreibt Diana Kinnert in ihrem Buch „Die neue Einsamkeit“. Die Statistiken würden deutlicher, die Räume enger, die Preise höher und die Phänomene schriller. Bewohner von Städten seien „überdurchschnittlich oft von Einsamkeit und Vereinzelung betroffen“. Viele erlebten Städte als Orte, an denen man sich angespannt fühlt und denen man entfliehen möchte. „Der laute Straßenverkehr, die Hektik.“ Diana Kinnert berichtet von „Überkonsum, Überforderung, Überwahrnehmung“ und erklärt ein Paradox: „Denn je größer unsere Städte sind, desto mehr zeichnen sie sich durch individuelle Freiheiten aus – damit aber auch durch eine zunehmende Anonymität.“

Die Haushaltsstrukturen in den Städten haben sich völlig verändert. Mehr Singles, Alleinerziehende und immer mehr alte Menschen, die allein wohnen. Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung hat sich dafür ausgesprochen, die Erfahrungen aus der Corona-Krise für eine grundsätzliche gesellschaftliche Neuorientierung zu nutzen und warnt in einer rein digitalen Arbeitswelt vor „Einsamkeitserfahrungen und seelischen Belastungen“. Deshalb seien alle Veränderungen „als wirkliche Gestaltungsaufgabe und Lernprozess zu verstehen“.

Leere Innenstadt von Wiesbaden im Lockdown

Die gespenstisch leere Innenstadt von Wiesbaden während des Lockdowns im Frühjahr 2021. (Foto: Thorsten Schulte)

Die Frage, was gegen die soziale Isolation in Städten getan werden kann, beschäftigt auch die Abteilung Wirtschaftsforschung und Landesentwicklung in der Hessen Agentur intensiv. Denn hier wird das Städtebauförderprogramm „Sozialer Zusammenhalt“ betreut. Mit ihm will das Land Hessen „Ideen entwickeln, städtebauliche Missstände beseitigen, das soziale Miteinander stärken und die Integration aller Bevölkerungsgruppen ermöglichen“, erklärt Abteilungsleiterin Anja Gauler. Die Gestaltung und Neuordnung des öffentlichen Raumes, der Ausbau der sozialen Infrastruktur, die Aktivierung bürgerschaftlichen Engagements und die Umsetzung integrierter Handlungsansätze sollen die Wohn- und Lebensbedingungen der Bewohnerinnen und Bewohner in den Wohnquartieren nachhaltig verbessern.

In manchen Stadtquartieren gibt es einen Mangel an Grün- und Freiflächen und eine unzureichende soziale und kulturelle Infrastruktur. Denn die Stadtentwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg war dadurch gekennzeichnet, dass Städte „sehr funktional getrennt“ entwickelt wurden, berichtet Prof. Dr.-Ing. Michael Peterek, Professor für Städtebau und Entwerfen an der Frankfurt University of Applied Sciences. Das Ziel sei es gewesen, verschiedene Stadtbereiche in sich zu optimieren: „das optimale Wohnviertel, das optimale Industriegebiet, die Innenstädte, die dem Handel vorbehalten waren.“ Danach wurden die verschiedenen Gebiete miteinander verknüpft, vornehmlich mit dem Auto. „Entscheidend ist, dass wir uns Gedanken machen über die Gesamtstruktur, die ganzheitliche Struktur unserer Städte“, betont Peterek.

Auf welche Bedürfnisse der Menschen eingegangen werden muss, darauf gibt der neue Film „Perspektive Stadtentwicklung“ von „Hessen schafft Wissen“ Antworten:

„Wir müssen Quartiere entwickeln, die möglichst viele urbane Funktionen umfassen und diese untereinander mit öffentlichem Nahverkehr vernetzen“, sagt Professor Peterek im Film. Es müssen aber vor allem Grünräume geschaffen werden. Man sollte an vielen Orten viel erleben können. Natur müsse einen ganz anderen Stellenwert haben, sodass vitale öffentliche Räume entstehen, an denen Menschen zusammenkommen können, erläutert Prof. Dr. Constanze A. Petrow, Fachgebiet Freiraumplanung und Gesellschaft an der Hochschule Geisenheim.

Städte brauchen Räume, welche die Bewohner nicht trennen, sondern zur Begegnung einladen. Diana Kinnert plädiert in ihrem Buch „Die neue Einsamkeit“ für „Anti-Einsamkeitsräume“, für „Lichtungen“, die Raum für Neues, Innovatives und Kreatives öffnen. Kinnert fordert: „Soziale Teilhabe als Klebstoff in Zeiten der Auseinanderdrift.“ Schließlich ist soziale Isolation der wirkstärkste negative Prognosefaktor, welcher der Gesundheitsforschung bekannt ist. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig luftige Räume – mehr öffentliche Freiflächen, mehr Grün, weniger Autos – sind. Die Hessische Landesregierung will mit dem Preis für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau auf vorbildliche Lösungen bei der Schaffung neuer Quartiere aufmerksam machen. Am 15. Juni 2021 wurde der Preis zum zweiten Mal durch Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir vergeben. „Die Gesellschaft wandelt sich: Sie wird älter und vielfältiger, neue Lebensentwürfe entstehen, das Bedürfnis nach Nachbarschaft, Gemeinsamkeit und Inklusion wächst. Das hat Folgen für Architektur und Stadtentwicklung. Denn heute entstehen die Wohnungen und Quartiere, in denen wir in den nächsten Jahrzehnten leben werden“, sagte Al-Wazir.

Wissenswertes zum Thema

Preis für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau

    Preisträger des Hessischen Preises für Innovation und Gemeinsinn im Wohnungsbau: Je 20.000 Euro für vorbildliche Projekte altersgerechten Wohnungsbaus gehen nach Allendorf/Lumda, Langen und Weimar/Lahn.

    • Das von einer genossenschaftlichen Initiative getragene Vorhaben „Hand in Hand – Neue Altstadt“ in Allendorf, das auf eine altersgerechte Umgestaltung historischer Bausubstanz und des öffentlichen Raums im Ortskern zielt.
    • Das Projekt „Anna Sofien Höfe“ der Baugenossenschaft Langen, das altersgerechte Architektur mit auf Kommunikation ausgerichteter Freiraumplanung, einem nachhaltigen Mobilitätskonzept für die Bewohner und ergänzenden Pflegeangeboten verbindet.
    • Der Weimarer Projektverbund „Gut Wohnen im Alter“, der die dörflichen Kerne mehrerer Ortsteile demografiegerecht umgestaltet. Dabei geht es neben Wohnungen auch um Alltagsversorgung.

    Drei mit je 5.000 Euro dotierte Anerkennungen erhielten die Baugesellschaft Hanau für Maßnahmen im Hafenquartier, die Kasseler MQ Projektentwicklungsgesellschaft für Vorhaben im Martini-Quartier und die Campus Freistil GmbH für ein inklusives Wohnquartier in Rüdesheim.

     

    Kommunen auf dem Weg aus der Krise unterstützen

    Die Hessen Agentur bietet Städten, Gemeinden und Landkreisen umfassende Beratung an: „Wir geben den hessischen Kommunen passgenaue Hilfestellungen bei der Umsetzung ihrer komplexen und vielfältigen Aufgaben“, sagt Folke Mühlhölzer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Hessen Agentur: „Unter dem Leitbild der Nachhaltigkeit und mit Blick auf den demografischen Wandel beraten wir Land und Kommunen zu den Zukunftsthemen Klimaschutz und Klimaanpassung, Energiewende, Ressourcenschonung, Schaffung von Wohnraum, zeitgemäße Mobilitätskonzepte und infrastrukturelle Versorgung.“ Weitere Informationen für Kommunen HIER.

    Hotline für Kommunen

    Unsere Hotline für Kommunen – der direkte Draht zu unseren Experten in den verschiedenen Servicestellen:

     

    Hessisches Gemeindelexikon

    Im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen hat die Hessen Agentur für alle 426 hessischen Kommunen Daten und Indikatoren zum demografischen Wandel zusammengestellt und in diesem Rahmen erstmals auch flächendeckend kleinräumige Bevölkerungsvorausschätzungen bis zum Jahr 2030 vorgenommen. Hessisches Gemeindelexikon