Ein Keltenfürst als hessischer Kulturbotschafter

von Willi Weiß

Ein Keltenfürst als hessischer Kulturbotschafter

von | 1. Jun 2020 | Kunst & Kultur

Großskulpturen mit Legionen von Plastikfiguren haben Ottmar Hörl weltberühmt gemacht

Der in Nauheim geborene Künstler Ottmar Hörl war einer der Ersten, der seine Werke im öffentlichen Raum präsentierte. Seine Großskulpturen mit Legionen von Plastikfiguren haben ihn weltberühmt gemacht. Zu seinen jüngsten Aktionen zählt eine Installation von 25 Nachbildungen des Keltenfürsten vom Glauberg vor der Alten Oper in Frankfurt. Die Massenauflage seiner Kunst hat für den Künstler eine gewichtige Intension: Sie soll zeigen, was Demokratie ausmacht.

Ottmar Hörl

„Ich bin als Künstler kein künstliches Ergebnis einer eigenartigen Struktur. Ich habe die Aufgabe, den Menschen zu zeigen, wie sie leben.“

Ottmar Hörl
Künstler

Ottmar Hörl führt ein ziemlich einmaliges Leben. Besonders für einen, der eigentlich die Serie zum Inhalt seines Daseins bestimmt hat. Der Künstler der Myriaden lebt in Dietenhan, einem Dörfchen, das zu Wertheim im Norden Baden-Württembergs gehört. Dort arbeitet und wohnt Hörl in einigen Bauernhäusern aus schwerem, roten Sandstein. Drei Höfe umfasste früher das Areal in der ruhigen Mainlandschaft, das zum Lebensmittelpunkt für den 1950 in Nauheim im Kreis Groß-Gerau geborenen Künstler geworden ist. Dorthin kehrt er zurück von den vielen Reisen, die ihn in die Republik und in ferne Länder führen. Von Südkorea bis nach Kanada verkaufen 250 Galerien seine Werke. Wer derart kosmopolitisch glänzt, muss auch seine künstlerischen Aktivitäten und Ambitionen weltweit anlegen. Dennoch ist der international angesehene Künstler immer noch stark verwurzelt mit seiner Heimat.  Er habe schon innige Beziehungen zu Hessen, sagt er und weist auf die vielen Präsentationen, die er in der Region konzipiert hat. Überall am Main und dessen Umland sind oder waren immer wieder Zeugnisse seiner Kreativität zu sehen. Wie die 3000 roten und weißen hessischen Löwen aus Kunststoff mit denen er 2007 den Kranzplatz vor der Staatskanzlei in Wiesbaden in einen „Löwenpark“ verwandelte. 2001 entwarf Hörl die Stahlskulpturen vor der Bankakademie in Frankfurt, 2014 die Figur für den Hessischen Film- und Kinopreis. Auch jener „Mister Quick“, der in der Mainmetropole vor dem Sitz der Deutschen Presse Agentur die dem Journalismus eigene Eile symbolisiert, hat Hörl kreiert. Weltweit bringt man mit seinem Namen auch die in allen internationalen Medien gegenwärtige Euro-Skulptur in der Gallusanlage in Verbindung. Die „Hörl-Familie“ nennen die Rüsselsheimer das stählerne Standbild in lakonischem Duktus, obwohl das Piktogramm, das in der Stadt an verschiedenen Plätzen aufgestellt ist, eigentlich „Das Familientreffen“ heißt und als eine Laudatio auf die Industrialisierung gedacht war.

Vor der Kulisse der Alten Oper in Frankfurt gruppierte Hörl vor kurzer Zeit 25 Nachbildungen des Keltenfürsten vom Glauberg. Diese künstlerische Konfrontation mit der archaischen Zeit sollte nicht nur zeigen, wie stark Museen, Schlösser und Gärten der Region Zeugnisse vergangener Zeit ablegen, sondern auch, wie die Geschichte den Lebensraum prägt ­– eine seiner vielen künstlerischen Intensionen. Die Initiative der Dachmarke „Kultur in Hessen“ hat diese bildstarke und kommunikative Aktion eingerichtet. Ottmar Hörl war ihr Spiritus Rector, schon allein deshalb, weil man solch serielle Konzeptionen fast ausschließlich mit seinem Namen in Verbindung bringt.

„Mich interessiert besonders die Idee, dass durch die Präsentation im öffentlichen Raum alle Menschen teilhaben können an den Erkenntnissen der Kunst“, sagt er.  Und dass er der Einzige sei, der das mache und auch der Erste war, der mit seiner Kunst auf Straßen und Plätze ging, sagt er und setzt hinzu: „Von Christo vielleicht einmal abgesehen“. Doch auf die frühen Aktionen des Verhüllungskünstlers sei schon sehr bald die Generation des Ottmar Hörl gefolgt. Zur ihr gehörten unter anderen Joseph Beuys und Andy Warhol. Zu beiden fühlt er nicht nur diese zeitliche Verbundenheit.

Der Keltenfürst für "Kultur in Hessen"

Vor der Kulisse der Alten Oper in Frankfurt gruppierte Hörl vor Kurzem 25 Nachbildungen des Keltenfürsten vom Glauberg. Diese künstlerische Konfrontation mit der archaischen Zeit sollte nicht nur zeigen, wie stark Museen, Schlösser und Gärten der Region Zeugnisse vergangener Zeit ablegen, sondern auch, wie die Geschichte unseren Lebensraum prägt. (Foto: Oliver Zarski)

Hessischer Löwe

Mit 3000 roten und weißen hessischen Löwen aus Kunststoff verwandelte Hörl 2007 den Kranzplatz vor der Staatskanzlei in Wiesbaden in einen „Löwenpark“. (Foto: Ottmar Hörl / Werner Scheuerman)

Jubiläum der Frankfurter Goethe-Universität

Zum Jubiläum der Frankfurter Goethe-Universität im Jahr 2014 wurde der mit Frankfurt sehr verbundene Künstler Ottmar Hörl von der Universität zu einer Installation eingeladen. Mehr als 400 Goethe-Figuren in den Farben der historischen Fakultäten prägten den Bereich um den Haupteingang der Universität. (Foto: Ottmar Hörl / Simeon Johnk)

Großskulpturen sind Hörls künstlerische Sprachform. Der wichtigste Aspekt ist dabei für ihn das Panorama, das entsteht, wenn er 10.000 Eulen im öffentlichen Raum aufstellt, 10.000 Bären in Berlin oder 1.000 Figuren von Albert Einstein auf dem Ulmer Marktplatz. Hörl schildert dies mit besonderer Bestimmtheit und Leidenschaft, weil diese Massen nach seiner Meinung eine besondere Eindringlichkeit entwickeln. Der mittlerweile emeritierte Kunstprofessor bezeichnet sie als die Sprache der Gegenwart. Denn für ihn stammt alles, was uns heute umgibt, aus der Idee der Serie. Dies sei eine fundamentale Erkenntnis, denn ohne die Massenkomponente würde die Demokratie nicht funktionieren, sagt er.

So spricht er über die Bewegungen des Jahres 1968, die auch aus ihm gemacht haben, was er ist und ein ihm eigenes Bewusstsein dafür auslösten, ein Kind des 20. und 21. Jahrhunderts zu sein. Als intellektuelle Konsequenz der Epoche schaffe er das, was nach seiner Meinung den Status der Zeit ausmacht. Denn die Idee der Serie sei es, dass alle teilhaben könnten an der Welt.

Hörl glaubt nicht, dass ein Mensch auf den Kauf eines Autos verzichten würde nur, weil er wisse, dass es diesen Wagen bereits hunderttausend Mal gibt und keiner würde ein Buch nicht kaufen, nur weil es eine Auflage von drei Millionen erreicht habe. „Ob Auto oder Buch – wertvoll ist immer nur das eine Exemplar, das mir gehört. Jeder Mensch individualisiert, was er besitzt. Erst die hohe Auflage macht die Teilnahme an Produktion und Gesellschaft möglich“, sagt er. Unser Lebensmodell sei die Idee, dass die Serie immer weiter perfektioniert und dadurch für den Menschen immer besser handhabbar werde. Nur durch die Serie könne man einen Preis verlangen, der für jeden zahlbar sei. Dies ist für Hörl Credo und Fundament seiner Kunst.

Die Welt des Ottmar Hörl ist nicht eine Illusion, sondern die Realität, in der es jedem möglich ist teilzuhaben, indem er Kunst erwerben und mit nach Hause nehmen kann. Das sei eine Demokratisierung, die erst durch die Serie möglich werde, meint Hörl. Er skizziert seine Kunst immer wieder als gesellschaftlichen Konsens und schlägt deshalb weite Bogen bei der Bestimmung seiner Kunden. Er beziffert ihr Alter von fünf bis neunzig Jahre, eine Gemeinschaft, in der von der Putzfrau bis zum Nobelpreisträger alle vertreten seien. Dies sei der eigentliche Unterschied zur Fürstenherrschaft. „Die Menschen wissen nicht mehr, wie diese Welt einmal ausgesehen hat. Wie erbärmlich es war, als der Adel Mitteleuropa beherrscht hat“, sagt er.  Den Feudalismus hätten wir jedoch immer noch in der Kunst, wo nur wenige Menschen ihre Sehnsucht nach dem Original bezahlen könnten. Diese würden wie die Fürsten an der Einmaligkeit des Originals hängen, obwohl das nicht mehr unsere Welt definiere, die zu 99 Prozent aus Serie bestehe. „Das Original ist eine überkommene Luxusform, die die Bürgerlichen vom Adel übernommen haben, eine Luxusform mit der sie den Minderwertigkeitskomplex, nicht adlig zu sein, damit ausgleichen, wenigstens etwas zu besitzen, das einmalig ist“, sagt er. Deshalb sei seine Arbeit in bestimmten Kreisen verpönt. Die Kulturindustrie bekämpfe dies entschlossen, weil man nur mit dem Original hohe Preise erzielen könne.  Doch dies sei für einen Künstler, der berichte, wie die Gesellschaft funktioniere nicht von Belang, denn er müsse eine Sprachform entwickeln für eine Gegenwart, in der das Original unterrepräsentiert sei, sagt Hörl und fügt an: „Selbst die Mondraketen in Cape Canaveral, also sehr teure Entwicklungen, die Milliarden kosten, sind Serie. In der Kunst hat diese Sprachform die Menschen überzeugt, sie glauben mir, dass es richtig ist, was ich mache. Es entspricht ihrer Welt.“ Er trete mit den Menschen in einen Dialog über ihren Status.

in Nauheim geborenen

hessische Kunststoff-Löwen

Nachbildungen des Keltenfürsten

Bären in Berlin

Der Erfolg stellte sich bei Hörl relativ früh ein. Nach dem er zunächst in einem technischen Beruf gearbeitet hat, änderte er seinen Lebensweg radikal und begann 1975 an der Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt ein Studium. Ein Hochbegabten-Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes machte eine weitere akademische Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf möglich. Schon 1992 folgte eine Gastprofessur an der Technischen Universität in Graz, sieben Jahre später wurde er Professor an der Akademie für Bildende Künste in Nürnberg, ab 2005 avancierte er zu deren Präsidenten und blieb es bis zu seiner Emeritierung vor zwei Jahren. Auf dem Weg dorthin lagen in fast atemloser Folge Ausstellungen, Projektionen und Aktionen, zahlreiche in Deutschland, nicht wenige im Ausland, in Städten wie Boston, Sydney, Grenoble und London. Auch während seines Lehrauftrags hielt er diese Dynamik aufrecht. „Die Speisung der Fünftausend“ war eine erste Massendemonstration. 1999 verteilte Hörl dabei 5000 schwarze Brote und blaue Fische ­– freilich aus Plastik – an die Besucher des Bodenseefestivals. Es folgten überall in der Republik Groß-Installationen: Heerschauen von grünen Einheitsmännchen, Sponti-Zwerge, Dürer-Hasen und eine goldene Madonna eines Nürnberger Renaissance-Künstlers aus dem Umkreis Dürers, Franz-Josef Strauß in Schwarz oder Luther-Darstellungen in hundert- und tausendfacher Ausfertigung irritierten und begeisterten die Menschen. In der Burganlage in Eltville präsentierte Hörl einen Aufmarsch von roten, schwarzen und goldenen Johannes-Gutenberg-Skulpturen, über 50 seiner purpurfarbenen Wölfe suchten den Schlosspark Hopferau im Allgäu heim, als „Wanderer zwischen den Welten“ ließ Hörl Theodor Fontane 400-fach sinnierend über den Vorplatz der Kirche St. Marien in Neuruppin wandeln. Hörl rüttelte mit einem Aufmarsch von Gartenzwergen, die die Hand zum „deutschem Gruß“ erheben ebenso auf wie mit seiner „Unschuldsseife“, die in einer Auflage von 82 Millionen jedem Deutschen die Reinwaschung von der Vergangenheit erlaubten. Recht zwanglos und frei von jeder formalen Aufstellung beherrschten im vergangenen Jahr 500 Figuren von eines sehr legeren Albert Einstein den Ulmer Münsterplatz. Durch die begeisterte Nachfrage nach solchen, bis zu einem Meter hohen Plastiken sieht sich Hörl immer wieder bestätigt. Zunächst leer ausgegangene Interessenten ordern die Skulpturen fortwährend im Internet nach.

„Ich versuche auch herauszufinden, was die Menschen am jeweiligen Ort beschäftigt. Plastiken Karls des Großen auf dem Aachener Marktplatz oder die Goethes auf dem Gelände der Universität in Frankfurt schaffen Identifikation. Es gibt den Menschen das Gefühl, hier hat einer was für uns erarbeitet“, sagt Hörl und ist sicher, dass dies ein wichtiges Element seines Erfolges ist. Er habe erst relativ spät verstanden, dass der Künstler mit dem Menschen zusammenarbeiten müsse. „Mein Impetus ist es zu fragen, wie eindrucksvoll ist die bildhauerische Konsequenz von 1000 Figuren auf einem bestimmten Platz“, sagt er. 

Dabei spielen mitunter tiefgründige Absichten eine Rolle: „Ein Einstein kann nicht in soldatischer Ordnung dastehen. Der Freiheitsgedanke des Physikers lässt eine Struktur nicht zu. Mich beschäftigt die Bedeutung eines Gegenstandes. Will ich eine Konzeption schaffen, die Ordnungssysteme signalisiert, die wir brauchen, damit die Dinge nicht auseinanderfallen oder ist der Freiheitsgedanke in diesem Moment wichtiger?“, sagt Hörl.

Und noch eindringlicher spricht er von der politischen Dimension seiner Arbeit, vielleicht gerade deshalb, weil dies die Zeit gebietet. Denn nach seiner Ansicht muss auch er daran erinnern, dass die Welt besser geworden ist, weil Menschen teilhaben können, Nichteilhabe sei entwürdigend.  Es mache gerade eben die Demokratie aus, dass keiner ausgeschlossen werde, meint er und dann setzt Hörl hinzu: „Ich bin als Künstler kein künstliches Ergebnis einer eigenartigen Struktur. Ich habe die Aufgabe, den Menschen zu zeigen, wie sie leben.“

Ottmar Hörl

  • Ottmar Hörl lebt und arbeitet in Frankfurt/Main und Wertheim
  • 2015 CREO-Innovationspreis für Kreativität, Frankfurt a. M./Mainz, Deutsche Gesellschaft für Kreativität
  • 2005-2017 Präsident der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg
  • 2002 intermedium-Preis, mit Rainer Römer und Dietmar Wiesner (Ensemble Modern)
  • 1999-2018 Professur für Bildende Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg
  • 1998 Wilhelm-Loth-Preis, Darmstadt
  • 1997 art multiple-Preis, Internationaler Kunstmarkt, Düsseldorf
  • 1994 Förderpreis für Baukunst, Akademie der Künste Berlin (mit Formalhaut)
  • 1992-1993 Gastprofessur an der TU Graz (mit Formalhaut)
  • 1985 Gründung der Gruppe Formalhaut, mit den Architekten Gabriela Seifert und Götz Stöckmann
  • 1979-1981 Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Klaus Rinke
  • 1978-1981 Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes
  • 1975-79 Hochschule für Bildende Künste–Städelschule, Frankfurt/Main
  • 1950 geboren in Nauheim

www.ottmar-hoerl.de